# Kinder und ihre Angst vor Corona: Berliner Experten schlagen Alarm

Die Zahlen sind alarmierend. In Berlin gibt es viel zu wenige Therapie-plätze. Wie können psychische Spätfolgen der Corona-Situation gemildert werden?

von Christian Schwager, Berliner Zeitung – 21.9.2021 – 06:10 Uhr

Berlin – Nach den Sommerferien wurde es schlimmer. Der Achtjährige klagte ständig über Müdigkeit, andere Warnsignale kamen hinzu: Wutausbrüche, Verstimmungen, im Wechsel und unerklärlich. Als ihn zuletzt das Gesundheitsamt in eine zweiwöchige Quarantäne schickte, weil er Kontakt zu einem an Covid-19 erkrankten Lehrer hatte, war es ganz vorbei. Ein paar Tage wieder im Unterricht, und die Schule rief bei den Eltern an, bat darum, dass sie ihren Sohn abholen. Es blieb nicht bei diesem einen Mal. Die Lichtenberger Familie bemüht sich um einen Termin bei einem Psychotherapeuten.

Die Corona-Pandemie befindet sich in ihrer vierten Welle. Die akuten Belastungen für Mensch und Gesellschaft stehen im Fokus der Politik, der Öffentlichkeit. Schon jetzt aber ist klar, dass das Virus nachwirken wird, auch auf die Seele, und es zeichnet sich ab, was aktuell bereits gilt: Schwächere werden auch langfristig stärker die Auswirkungen zu spüren bekommen.

Kinder und Jugendliche zum Beispiel. Erste Untersuchungen geben eine Tendenz vor. „Die Datenlage zu den psychischen Folgen von Covid-19 hat sich stark verdichtet“, sagt Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV). „Vor allem die Zahlen zu Kindern und Jugendlichen sind alarmierend.“

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) befragte zwischen Dezember 2020 und Januar 2021 mehr als 1000 Elf- bis Siebzehnjährige zu ihrem seelischen Befinden. Einbezogen in die sogenannte Copsy-Studie wurden 1500 Eltern. Ergebnis: Vier von fünf Kindern und Jugendlichen fühlten sich durch die Pandemie belastet. Ängste und Sorgen nahmen deutlich zu, ebenso depressive Verstimmungen und psychosomatische Beschwerden wie Magenbeschwerden oder Kopfschmerzen.

Eine Analyse vom Sommer 2020 stütze sich auf Aussagen von mehr als 150 Kinderärzten. Sie förderte zutage, dass bei 89 Prozent der Patienten verstärkt seelische Probleme auftraten. Etwa die Hälfte litt unter Antriebslosigkeit oder Angststörungen, Schlaflosigkeit oder erhöhter Aggression. Teilweise erkannten die Mediziner sogar Hinweise auf eine verzögerte Entwicklung. „Der Anteil der Kinder mit psychischen Auffälligkeiten ist in der Pandemie von 20 Prozent auf fast ein Drittel gestiegen“, sagt DPtV-Präsident Hentschel und bezieht sich dabei auf den „Report-Psychotherapie 2021“.

Leopoldina: Erhöhter Versorgungsbedarf für psychische Erkrankungen

Die nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, erwartet in einer Stellungnahme „einen erhöhten Versorgungsbedarf für psychische Erkrankungen“ in einer Altersgruppe, „für die es bereits vor der Pandemie ungenügende psychotherapeutische Behandlungsangebote gab“. In Berlin sprechen Psychotherapeuten von einem Nord-Süd-Gefälle. Der Mangel an Fachpraxen nimmt von Nordosten nach Südwesten ab.

Christoph Stößlein hat in der Spandauer Altstadt eine Praxis für Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und deren Angehörigen. Nach den Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ist der Bedarf in Spandau zu fast 100 Prozent gedeckt. Der Alltag sieht allerdings anders aus. „In meinem Einzugsgebiet hatte ich schon immer mehr Anmeldungen als ich annehmen konnte“, sagt Stößlein.

„Durch die Pandemie sind nun allerdings andere Themen stärker in der Vordergrund getreten.“ Auch er sieht die Patienten vermehrt mit Depressionen konfrontiert, auch er therapiert Ängste, die sich zu Beginn der Pandemie herausgebildet haben und weiter nachwirken. „Insbesondere Ängste vor anderen Menschen, ihnen zu nahe zu kommen, sich anzustecken“, sagt der Therapeut. „Das Vertrauen in die Mitmenschen ist reduziert. Das ist fatal.“ Kleine Kinder vergessen im Spiel Hygienevorschriften, Abstandregeln, Maskenpflicht. „Es gibt aber Kinder im Pubertätsalter, die sich sehr gewissenhaft an die Regeln halten, sie geradezu zwanghaft umsetzen. Sie sind davon überzeugt, dass sie krank werden, wenn sie das nicht tun. Das hat zum Teil phobische Züge.“

Vermeintlich kleine Eingriffe in den Alltag, von der Politik verordnet, mutmaßlich leicht umzusetzende Vorsichtsmaßnahmen, von Virologen empfohlen, können sich tief ins Bewusstsein eingraben. Vor allem der zeitweise Zwang zur Isolation birgt Risiken und Nebenwirkungen. Die Ausgangslage sei oft ähnlich, sagt Stößlein: Eine Familie hält sich überwiegend zu Hause auf, die Wohnung ist klein, die bekannte Struktur weggebrochen – Homeoffice statt Büro, Wohnzimmer statt Sportverein, Fernsehen statt Fußball. „Der Stresspegel in solchen Familien steigt gewaltig“, sagt der Spandauer Therapeut. „Für die Corona-Pandemie war und ist das spezifisch.“

Stephan Frühauf ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Pankow. Er hat die Eltern im Blick. „Es rufen jetzt sehr viel mehr Leute an, die zusätzlich nach Unterstützung fragen und bisher nicht in psychiatrischer Behandlung waren“, sagt Frühauf. Es sind Menschen aus dem Kiez, auch sie leiden unter Ängsten, Depressionen. „Zum Beispiel durch die Dauerbelastung während der Kita- und Schulschließungen, durch zunehmende Partnerschaftskonflikte, den Verlust des Arbeitsplatzes, auch ökonomische Sorgen.“

Psyche und Corona: Seelisch kranke Eltern verstärken Not der Kinder 

Wie so oft verstärkt die Pandemie bestehende gesellschaftliche Phänomene: Auffällig viele Frauen suchen Hilfe, sie haben die familiäre Hauptlast zu tragen. Alleinerziehende, sagt Frühauf, leiden besonders unter den Folgen der früheren Lockdowns. Fast schon ein Klassiker während Corona: eine Mutter, zwei Schulkinder in unterschiedlichem Alter mit unterschiedlichem Lehrstoff. Dazu der Haushalt, parallel der Job, all das auf 60, 70 Quadratmetern vielleicht. „Was soll man diesen Frauen sagen? Sei tapfer, halte durch? Häufig musste ich sie erst einmal krankschreiben, damit sie wenigstens von ihrer eigenen Arbeit befreit sind, um überhaupt die Situation bewältigen zu können“, so der Psychiater. 

Spätestens zu Beginn 2021 bemerkte Frühauf eine weitere Veränderung. „Sehr viele Patienten, die ich zuletzt vor langer Zeit gesehen habe, sind wieder zur Behandlung erschienen, weil sie mit der Situation nicht zurechtgekommen sind.“ Sie waren für die Herausforderungen des Alltags gewappnet, „doch jetzt litten sie unter Überlastungsreaktionen oder Depressionen“.

Eine Kettenreaktion setzt sich in Gang. Eltern in seelischer Not verstärken das Leiden der Kinder, sagt der Spandauer Psychotherapeut Stößlein. Denn ob und wie Heranwachsende die Folgen der Pandemie verarbeiten, hängt entscheidend von ihrem Umfeld ab. „Kinder sind ja grundsätzlich voller Ängste“, sagt Stößlein. „Sie haben Angst, dass sie entführt werden, dass ihre Mutter stirbt oder dass sie etwas Wichtiges verlieren.“ Ihre Sorgen oder gar Traumatisierungen verarbeiten sie im Spiel, durch malen oder im Gespräch mit engen Bezugspersonen, wenn nicht in der Familie, dann in der Schule, im Hort, im Verein. „Fehlt diese Möglichkeit, bleiben Kinder allein mit ihren Sorgen, können sie eine Symptomatik entwickeln“, so Stößlein. 

Die sogenannte BELLA-Studie im Auftrag des Robert-Koch-Institutes beschreibt Risikofaktoren, die das seelische Wohlbefinden von Sieben- bis Siebzehnjährigen gefährden. Dazu gehören familiäre Konflikte, Stress der Eltern im Alltag, psychische sowie körperliche Belastungen und Krankheit der Mutter oder des Vaters. Eine wesentliche Rolle spielt die Herkunft eines Kindes, auch hierbei verstärkt Corona bestehende Tendenzen.

Psychische Auffälligkeiten treten häufiger bei Heranwachsenden mit niedrigem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status auf, rund 26 Prozent beträgt dort die Quote; jedes vierte Mädchen und fast jeder dritte Junge ist betroffen. In Familien auf einem hohen sozioökonomischen Niveau sind es dagegen nur 9,7 Prozent; somit jedes fünfzehnte Mädchen und jeder achte Junge. Als Erklärung sehen Wissenschaftler bessere Möglichkeiten, sich in großzügigeren Wohnverhältnissen zurückzuziehen, aber auch Gehör bei den wichtigsten Bezugspersonen im privaten Umfeld zu finden. „Es gibt schwere Traumatisierungen, die geringe Auswirkungen haben, weil sie sehr gut verarbeitet werden“, sagt Stößlein. „Und es gibt weniger schwere Traumatisierungen, die weniger gut oder gar nicht verarbeitet, sondern verdrängt werden. Nach einem halben Jahr wird dann deutlich, dass erheblich etwas zurückgeblieben ist.“

Die Leopoldina gibt der Politik in der Pandemie Handlungsempfehlungen, um die seelischen Folgen der Pandemie abzufedern. „Pädagogische Fachkräfte in Kitas und Lehrer in Schulen sollten im Sinne eine Frühwarnsystems so fortgebildet werden, dass sie für auftretende psychische Problem sensibilisiert sind“, schreiben die Wissenschaftler der Akademie. Ein gesunder Lebensstil solle gefördert werden: Sportliche Aktivitäten bis zu dreimal in der Woche, Schlafhygiene und sinnvolle Ernährung. Die Kinder- und Jugendhilfe gelte es auszubauen, rät die Leopoldina. „Die Wartefrist auf einen Therapieplatz sollte verkürzt werden.“ Vorbildlich sei die Improving Access to Psychological Therapies Initiative in England.

Christoph Stößlein und seine Kollegen in Spandau verwalten einen Mangel, „angesichts der hohen Nachfrage, die wir nicht befriedigen können“, sagt der Therapeut. „Für mich ist es bitter, wenn ich weiß, dass ein Kind dringend Hilfe benötigt, aber ich kann sie ihm nicht bieten und habe keine wirklich gute Idee, wo ich es hinschicken könnte.“ Stephan Frühauf fordert daher die Politik dringend auf, die Studien zu den Folgen von Corona für Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen. „Das, was gemeinhin als Kollateralschaden abgetan wird, muss man im Blick haben“, sagt der Arzt. „Es reicht nicht, einfach nur zu sagen: ,Lasst euch mal alle impfen‘. Politisches Handeln hat auch Konsequenzen für die seelische Gesundheit.“

Der achtjährige Schüler aus Lichtenberg hat inzwischen einen Termin in Aussicht. Die Praxis liegt in Tempelhof, aber den Weg nehmen die Eltern gern in Kauf.